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27.06.2007 - Hannoversche Allgemeine Zeitung
Am 30. Juni findet erstmals ein Kontinenz-Tag statt, um auf die Probleme von Menschen mit einer Blasen- oder Darmschwäche aufmerksam zu machen. GERD KOLBERT, niedergelassener Proktologe in Hannover, erläutert, wie den Betroffenen geholfen werden kann.
Rotwein für den Darm
Warum ist so eine Veranstaltung wichtig?
Weil Inkontinenz unverändert ein Tabuthema ist. Hierzulande sind schätzungsweise fünf Millionen Menschen inkontinent, davon haben zwei Millionen Stuhlinkontinenz. Zwischen der Häufigkeit der Erkrankung und der Häufigkeit der Behandlung besteht eine große Diskrepanz. Dabei gibt es viele Möglichkeiten den Betroffenen zu helfen - wenn sie denn den Weg zum Arzt finden. Der Kontinenztag soll hier eine Öffentlichkeit schaffen.
Was genau ist eine Stuhlinkontinenz?
Das erklärt man am besten andersherum. Stuhlkontinenz ist definiert als die Fähigkeit, Zeit und Ort der Darmentleerung selbst bestimmen zu können. Wenn der Patient das nicht mehr steuern kann, ist das für ihn fast noch schlimmer als eine Blasenschwäche - eine soziale Katastrophe. Der leichteste Grad der Stuhlinkontinenz ist die Halteschwäche für Winde, der zweite Grad die Halteschwäche für sehr weichen Stuhl und der dritte Grad für festen Stuhl. Außerdem gibt es das Stuhlschmieren, auch Soiling genannt. Dabei geht Sekret ab. Das ist ein psychisch sehr belastendes Hygieneproblem.
Welche Ursache hat Stuhlinkontinenz?
Die Ursachen für die Stuhlinkontinenz sind sehr unterschiedlich. Betroffen sind nicht nur Ältere. Wir haben in unserer Praxis viele jüngere Frauen, die bei einer Geburt eine Schließmuskelverletzung erlitten haben. Bei jüngeren Männern ist die häufigste Ursache eine Afterfistel-Operation, bei der ein Teil des Schließmuskels durchtrennt werden musste. Bei Menschen über 70 Jahre finden wir meist eine Schließmuskelschwäche. Tatsächlich beginnt unser Schließmuskel schon in jungen Jahren schwächer zu werden, hat aber eine große Kraftreserve. Kommt eine weitere Beeinträchtigung hinzu; kann der Schließmuskel schon ab 50 versagen. Diese Patienten sind eigentlich mobil, kapseln sich aber wegen ihres Leidens ab.
Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
Die Behandlung hängt davon ab, wie stark die Symptome den Betroffenen belasten. Die Operation steht dabei immer ganz am Ende. Wir beginnen mit der Ursachensuche. Liegt es am Schließmuskel, wird dieser mit einer speziellen Art der Beckenbodengymnastik trainiert. Hindern Hämorrhoiden oder ein Aftervorfall den Muskel am Schließen, muss man diese behandeln. Zusätzlich arbeiten wir an der Konsistenz des Stuhls. Je fester der Stuhl, desto geringer die Probleme. Ein Zuviel an Ballaststoffen verursacht weichen Stuhl und viele Blähungen. Wir raten den Patienten zu Bananen, Schokolade, schwarzem Tee und Rotwein.
Und wenn alles keinen Erfolg hat?
Dann können wir operieren. Der verletzte Schließmuskel ist wie ein Ring, der an einer Stelle offen ist. Bei der Operation nähen wir die beiden Enden des Rings anei¬nander. So kann der Schließmuskel wieder den Afterkanal verengen. Dadurch erreichen 75 bis 80 Prozent der Patienten eine deutliche Besserung der Haltekraft.
Zum 1. Deutschen Kontinenztag findet im Sparkassenverband Niedersachsen, Schiffgraben 6-8 in Hannover, von 10 bis 13 Uhr ein kostenloses Patientenforum statt.
Interview: Nicola Zellmer

